Zwi Katz war im Lager I, einem Außenlager von Dachau in der Nähe von Kaufering, 1944-1945

„Nach weiterer Fahrt hielt der Zug an einer wenig ansehnlichen Station. »Alle aussteigen!« Nach einem Fußmarsch erreichten wir ein mit Stacheldraht und Wachtürmen gesichertes Lager. Unter dem Gebrüll: Los! Schnell! Schnell! und den Stockhieben, die auf uns niedergingen, wurden wir wie eine Herde durch das Lagertor getrieben. Es dauerte nicht lange, und wir standen auf dem Appellplatz in gestreifter Häftlingskleidung und Holzschuhen, alles Persönliche, das wir noch hatten, war uns abgenommen worden. Ein untersetzter SS-Mann stellte sich vor uns auf und »begrüßte« uns: »Ihr Arschlöcher ...« Es war der Lagerkommandant, und wir befanden uns im KZ Kaufering I*

Noch am selben Tag wurden wir auf die Erdhütten verteilt. Es war ein Graben, der mit einem Giebeldach überdeckt wurde, in dessen Mitte eine Vertiefung, die als Durchgang diente, ausgehoben war, so daß auf beiden Seiten eine Art »Regale«, in denen ein Mensch der Länge nach gerade Platz hatte, entstanden. Das Ganze war mit Brettern beschlagen, und wir lagerten in zwei langen Reihen auf den bloßen Holzpritschen, ausgestattet lediglich mit zwei schäbigen Decken. Es gab keine Duschanlagen, und die Wäsche wurde nicht gewechselt. So dauerte es auch nicht lange, und wir waren alle verlaust.

Die plötzliche Trennung von den Frauen, die lange, bedrückende Fahrt und der schroffe Übergang vom Ghettoleben in das KZ-Regime versetzten uns in einen Schockzustand. Aber nicht alle ergaben sich gleichgültig in ihr Schicksal. Einige überblickten sehr schnell die Situation. Noch bevor wir verstanden, was mit uns geschah, schafften sie sich schon Verbindungen zu den deutschen Lagerfunktionären und wurden zu Kapos ernannt. Unter ihnen befanden sich einige Sadisten, die jetzt die Gelegenheit hatten, uns zu schikanieren und zu schlagen. Die anderen waren Leute, die eine Überlebenschance suchten. Sie erfüllten die ihnen auferlegten Funktionen, aber benahmen sich dabei mehr oder weniger erträglich und waren manchmal auch behilflich, soweit es möglich war.*

Zu diesen gehörte auch Ditas Verehrer, dessen Bruder es fertigbrachte, Küchenkapo zu werden und auch seinen Bruder »einzuordnen«, der vieles tat, um mir zu helfen. Ohne ihn hätte ich keine Aussichten gehabt, zu überleben; mein Glück hatte mich nicht verlassen. Mit seiner Hilfe gelang es mir sehr oft, bei der Suppenverteilung ein zweites Mal dranzukommen, und er war es auch, der mich in die Reihen der Arbeitsbrigade stellte, die für die Zementhalle bestimmt war. Das zwölfstündige Tragen und Stapeln von Zementsäcken war keine leichte Arbeit, aber es gab noch einen viel schlimmeren Arbeitsplatz: Im Iglinger Wald, bei Landsberg am Lech, wuchs ein Betonmonstrum, das unendliche Wagenladungen Zement verschlang und Tausende von Menschenleben fraß ...

Die Maulwurfshöhle

Nach dem Zählappell vor dem Morgengrauen und am Abend marschierten wir zur Arbeit, und wehe dem, der beim Hinausgehen und beim Zurückkehren beim Kommando »Mützen ab« diese nicht schnell genug vom Kopf zog.
Die Arbeitsstelle, an der wir eingesetzt waren, befand sich in einem großen und dichten Tannenwald, zu dem wir einen ziemlich langen Weg zurücklegen mußten. Wie erwähnt hatten wir Zementsäcke auszuladen und zu stapeln, die in langen Zügen ununterbrochen ankamen. Das ging zwölf Stunden lang so, Tag und Nacht.
Vor allem eine Szene ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Im Zementstaub liegt ein Häftling. Sein Gesicht, Mund, Nase und Augen sind voll mit Zementpulver, er ist daran bereits erstickt und atmet nicht mehr. Über ihm steht ein OT-Mann** und schlägt mit einem Stock noch immer wütend auf ihn ein ...

Zurück im Lager bekam man zu dem erbärmlichen Morgenbrot noch etwas, das sich Suppe nannte, die mit der Zeit immer dünner wurde. Dann legten wir uns erschöpft auf unsere Bretterlager, mit einer Decke, in der auch noch die Läuse auf ihren Anteil an unserem Blut warteten.
Die Verpflegung stand in keinerlei Verhältnis zu unserem Arbeitspensum und den miserablen Lebensumständen. Nur wenige Wochen verstrichen, und man konnte eine erschreckende Erscheinung bemerken: Seltsame, in Decken eingehüllte, völlig ausgemergelte Gestalten wankten im Lager herum. Ihre Körper waren so ausgezehrt, daß sie fast einem Brett glichen. Unter der Decke konnte man die klotzähnlich angeschwollenen Füße sehen, die nicht mehr in die Hosen und Holzschuhe hineinzuzwängen waren, und ihre eingefallenen Augen hatten einen leeren, ziellos herumirrenden Blick. So lernten wir einen neuen Begriff des SS-Deutsch: »die Muselmänner«. Jeden Morgen wurden mehrere von ihnen todesstarr aufgefunden und auf Karren, mit herabhängenden Körperteilen, in eine unweit des Lagers ausgehobene Grube geschoben. Und trotz des vielen Sterbens wuchs die Zahl der Muselmänner immer weiter an.

Die hohe Sterberate beunruhigte die SS nicht - ihre Sklavenbestände verringerten sich nicht. Zuerst kamen wir, die Reste aus den litauischen Ghettos in Kaunas und Schauliai. Dann kamen immer neue Transporte aus Auschwitz. Die ungarischen, polnischen und griechischen Juden ergänzten die ausfallenden Arbeitshände, so daß die Vernichtung und die Ausbeutung gleichzeitig stattfinden konnten.
Ich war sehr besorgt und erschrocken. Auch wenn ich hie und da noch eine Extra-Portion Suppe erhielt, stand die Bilanz nicht zu meinen Gunsten. Was konnte ich tun?
Ich hatte keine Möglichkeit, meine Verpflegung aufzubessern, aber vielleicht konnte ich meine Kräfte sparen, und so begann ich eine Taktik der Selbstschonung zu entwickeln, die zwar mit großer Gefahr verbunden war, aber die Aussicht, eines Muselmanntodes zu sterben, war noch viel erschreckender.

In dieser Hinsicht kamen mir die Nachtschichten entgegen. Fast jede Nacht gab es Fliegeralarm, und über uns dröhnten die mit Bomben schwer beladenen alliierten Flugzeuge, die mit ihrer tödlichen Last unterwegs nach München oder anderen Städten waren. Das Licht ging aus, und wir konnten uns eine schöne halbe Stunde Ruhe gönnen. In diesen Fällen kroch ich nach oben und legte mich auf die fast bis zum Dach aufgestapelten Zementsäcke, die offenbar geradewegs vom Förderband kamen und noch einen Teil der Produktionswärme enthielten. Hier oben waren keine Lampen angebracht, und es war ziemlich dunkel. So kam mir der Gedanke, mir dort ein Versteck zu schaffen, in dem ich auch nach dem Alarm bleiben konnte. Es war keine große Kunst, ich brauchte dazu nur einige Bretter, die hier nicht schwer aufzutreiben waren und die ich im Schutz der Verdunkelung nach oben beförderte. Jetzt blieb mir nur noch, einige Zementsäcke auszuheben, die entstandene Vertiefung mit Brettern abzudecken und dann die Zementsäcke zurückzulegen. Kurz, ich baute mir eine »Maulwurfshöhle« und blieb dort nach den Fliegeralarmen weiter liegen. Zuerst war ich angespannt und schlief nicht ein, aber mit der Zeit fühlte ich mich immer sicherer, bis es eines Nachts geschah ...

Ich erwachte im jähen Schrecken. Von draußen konnte ich ein schwaches Morgenlicht bemerken, und die Zementhalle war menschenleer! In größter Not schlich ich mich in den umliegenden Wald und erspähte unsere Brigade, die unweit in Fünferreihen dastand, während die Kapos und die Wachen herumliefen und immer wieder die Reihen zählten! Kein Wunder, daß die Zahl nicht stimmte. Als der Wachmann sich etwas entfernte, kam ich seitwärts aus dem Wald gelaufen, während ich meine Hosen mit der Hand festhielt, als ob ich zum Austreten gegangen wäre. Der Häftlingskapo, der mich bemerkte, stieß mich in die Reihen und verlangte, fluchend und schreiend, daß wir uns endlich richtig aufstellen sollten, »wenn wir hier nicht den ganzen Tag bleiben wollen«. Die Zählung begann aufs neue, und endlich stimmte das Ergebnis.

Meine Leidenskameraden waren mir natürlich sehr böse, wegen mir hatten sie teure Ruhezeit verloren, und ich spürte unterwegs ihre vorwurfsvollen Blicke, aber auch ohne das war ich sehr erschrocken; das Ganze hätte viel, viel schlimmer enden können ... "

 

*Um das Dorf Kaufering, bei Landsberg am Lech, wurden zwischen Juni und Oktober elf Außenlager des KZ Dachau errichtet. In diesen Lagern wurden insgesamt 28000 Häftlinge registriert. Davon kamen durch den schrecklichen Hunger, die schwere Arbeit und die Mißhandlungen mehr als die Hälfte um. Unzählige andere fielen dem nachfolgenden Todesmarsch zum Opfer.

**Abkürzung für »Organisation Todt« (nach dem Ingenieur Fritz Todt). N S-Bau-Organisation, die insbesondere mit kriegswichtigen Bauten befaßt war. Die OT-Männer trugen Uniformen und eine Armbinde mit Hakenkreuz. Jeder gewöhnliche OT-Vorarbeiter, den wir mit »Meister« anzusprechen hatten, trug einen Stock bei sich und war Herr über Leben und Tod. Hier und da fanden sich unter ihnen auch andere, die sich anständiger benahmen und manchmal ihren Arbeitssklaven nach Möglichkeit etwas Hilfe leisteten.